Box-Training und Sucht-Aufklärung
Kooperation von Lavie, Axon, Stadtjugendpflege und dm ging in die letzte Runde. Profunde Drogen-Kenntnisse bei Zwölfjährigen.
Von Frank Wöstmann
Königslutter. Boxen gilt als eine der anstrengendsten Sportarten überhaupt – und das trifft natürlich auch auf das Training zu.
Diese Erfahrung machten jetzt Jugendliche vom Stadt-und Jugendhaus Königslutter, die das Angebot „BoxFit“ ausprobierten.
Dabei kooperieren in diesem Sommer der Verein Axon, Lavie Reha, die Stadtjugendpflege sowie der dm DrogerieMarkt.
Trainer Dirk Urban begrüßte die Gruppe zu einer 90-minütigen Einheit und freute sich, dass schon einige Kampfsport-Erfahrungen vorhanden waren. Trotzdem konnte er den Jungs noch einiges abverlangen beim Aufwärmen, bei Übungen zu Kraft und Koordination und vor allem bei der Arbeit am Sandsack und mit den sogenannten Pratzen.
Als Gastgeberin trat wieder Elisabeth Viedt in Erscheinung. BoxFit war Abschluss der aktuellen Kooperation. Als Höhepunkt durfte wohl die Veranstaltung zur Suchtprävention einen Monat zuvor im Jugendhaus bezeichnet werden. „Da kamen richtig viele – erfreulich und erschreckend zugleich war die Tatsache, dass alle schon viel wussten zum Thema Sucht. “ Zum Beispiel waren bereits Zwölfjährige im Bilde, als es um Lachgas als Droge ging.
Gleichwohl dankte Elisabeth Viedt ihrer Kollegin Kamila Struse für ihren Vortrag. „Es ging dabei nicht nur um die verschiedenen Drogen selbst, sondern auch um die Gefahren des Einstiegs und die Möglichkeiten des Ausstiegs. “ Am Ende stand die Gruppenarbeit, an der auch Königslutters Jugendpflegerin Lara Jünemann teilnahm – sie ist sich sicher: „Mit Verboten allein kriegt man das Problem nicht in den Griff. “ Aufklärung sei die Basis, um die gesellschaftliche Entwicklung zu stoppen: „Mittlerweile muss ich sagen: Man sollte schon Jugendliche unter zwölf Jahren aufklären.“
Sie würde sich über eine Wiederholung der Kooperation mit Axon, Lavie und dm freuen, in der der DrogerieMarkt für Getränke und Snacks sorgte. „Der Vortrag einer Sucht-Therapeutin dient der Prävention – schließlich können sich aus einer Sucht verschiedene Psychosen entwickeln.“ Eher der Selbstwahrnehmung diente der BoxFit-Kursus. „Es geht um Körperspannung, Energie und Selbstbewusstsein“, schilderte Dirk Urban, der bei Lavie das Sportangebot leitet. Er freute sich, dass die Teilnehmer den Mut hatten, mal was anderes auszuprobieren. „Eigentlich hatten noch mehr zugesagt, aber parallel liefen die mündlichen Abschlussprüfungen.“
Und was sagten die 15-jährigen Niko, Dean und Rexhep zu ihren ersten Versuchen mit Box-Handschuhen? „Es war anstrengend, hat aber Spaß gemacht.“ Vor allem bei den Kraftübungen und dem Kampf gegen die Pratzen merkten sie, wie lang eine Minute werden kann. Trotzdem würden sie wiederkommen: „Es kann ja nicht schaden, Boxen zu können.“
Starker Aufschlag bei Lavie wird Folgen haben
Organisatoren der Fachtagungen planen weitere Veranstaltungen dieser Art. Jeder Mensch hat psychosoziale Grundbedürfnisse.
Von Frank Wöstmann
Königslutter. Drei ausgebuchte Tagungen, viel Applaus von den Gästen und jede Menge Wissenstransfer:
Die Veranstaltungsreihe zu psychosozialen Grundbedürfnissen sorgte bei den Organisatoren für eitel Sonnenschein. Gemeinsam hatten sich die Lavie Reha gGmbH (Königslutter)
sowie die Vereine Der Weg (Braunschweig) und Axon (Königslutter) mit den Teilnehmenden intensiv über die Themen Wohnen, Gesundheit und Arbeit auseinandergesetzt.
„Wir können sehr zufrieden mit der Tagungsreihe sein“, unterstrich Corinna Wollenhaupt, die Lavie-Geschäftsführerin. Alle Termine seien schnell ausgebucht worden, viele unterschiedliche Akteure kamen zusammen. „Ich bin regelrecht beglückt über den Austausch auf Augenhöhe, den ich an allen drei Tagen erlebt habe.“ Vor allem sei ihr stets wichtig gewesen, dass Menschen mit Psychiatrie-Erfahrungen einbezogen wurden. „Das ist gelungen und ich kann sagen: Viele der Beiträge und Diskussionen inspirieren uns für weitere Tagungen.“
Gerade das Abschlusstreffen in der Lavie-Cafeteria passte perfekt zu ihrer gGmbH, denn es ging um das Thema ,Arbeit‘. „Genau das ist seit mehr als 30 Jahren unser Schwerpunkt, und das große Interesse an diesem Termin zeigt uns, wie intensiv sich auch die Gesellschaft damit beschäftigt. “ Für die Lavie Reha, die sich um rund 200 psychisch erkrankte junge Menschen kümmert, bedeute der Wandel der Arbeitswelt eine stete Veränderung – „vor allem aber stehen wir immer wieder vor neuen Herausforderungen“.
Auf eine „Schatzsuche“ lud Dörte Maack die Gäste ein. Die (im Übrigen blinde) Moderatorin des Tages forderte alle auf, gemeinsam zu erkunden, wo sich Hürden verstecken, wo man Arbeitgebern helfen könne und wo beraten. „Der Schatz, den wir suchen, ist so groß für Millionen Menschen. “ Das Tagungsthema betreffe keineswegs nur bereits erkrankte Personen. Es gehe um Integration, aber auch Prävention. „Das betrifft uns alle – jeder hat psychosoziale Grundbedürfnisse.“
Königslutters Bürgermeister Alexander Hoppe hob diesen Aspekt in seinem Grußwort ebenfalls hervor. „Als Gesellschaft müssen wir uns vermehrt Gedanken machen, wie wir Menschen mit Beeinträchtigungen den Weg zurück in die Arbeit erleichtern. “ Dabei dürfe es kein Handicap sein, dass mancher nicht hundertprozentig arbeitsfähig sei. „Ich freue mich, dass unsere Stadt in den vergangenen Jahren gemeinsam mit der Lavie Reha eine Reihe von Projekten mit genau diesem Ziel auf den Weg gebracht hat.“
Im Anschluss machten sich die Gäste in Kleingruppen auf einen Weg durch das Haus, um sich von der Lavie-Vielfalt zu überzeugen. An zwölf Stationen durften sie ausprobieren, was sonst junge Menschen fit macht für den Arbeitsmarkt. Heiko Kowski erklärte zum Beispiel in der Tischlerei den Umgang mit der Japan-Säge, Marcel Keller forderte Neugierige auf, Servietten zu Schiffchen zu falten – mit Segel. Musiktherapeut Thomas Grove legte seine Gäste im ,Einklang‘-Raum erstmal auf den Rücken und verdeutlichte, warum Entspannung für gestresste Menschen unabdingbar ist bei weiterem Lernen und Arbeiten. Alexander Faflik regte die Gruppen zur Selbstreflexion an und zu Selbstvertrauen: Vor einem Spiegel fand sich jeder als möglicher ,Bestseller‘ wieder.
Jede einzelne Station wäre eine Geschichte wert, und so lobten die Gäste anschließend den ganzheitlichen Ansatz von Lavie. Beeindruckt waren sie auch von den jungen Teilnehmenden, die ihren Besucherinnen und Besuchern immer wieder Mut machten, etwas auszuprobieren. „Da kam Begeisterung rüber“, kommentierte eine Stimme. „Offenbar sind diese jungen Menschen hier zu Beginn auch überzeugend motiviert worden.“
Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Frage „Arbeit & psychisch krank: Wo sind Chancen, Möglichkeiten und innovative Konzepte?“ Dabei wurde schnell klar: Man darf bei der Arbeit alles machen, nur kaputt machen darf man sich nicht. „Wir haben in der Diskussion gemerkt, dass die Einrichtungen der Kostenträger durchaus bemüht sind, inklusive Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen“, betonte Corinna Wollenhaupt. Gleichwohl sei noch ein langer Weg zu gehen. „Viele Firmen sind auch dauerhaft auf Unterstützung angewiesen, um ihre Angebote verwirklichen zu können.“
Nach zwei weiteren Fachvorträgen zeigte sich auch Elisabeth Viedt rundum zufrieden mit dem Auflauf. Sie hatte als axon-Mitarbeiterin die Fachtagungen organisiert und sprach von „drei richtig erfolgreichen Tagen“. „Gerade die Perspektive der Betroffenen zu hören, aber auch Projekte mit großem Praxisbezug wie an der Medizinischen Hochschule Hannover haben mich wirklich begeistert – und unsere Gäste offenbar auch. “ Wichtig sei nun, den Austausch zwischen Kostenträgern und Leistungsanbietern nicht abreißen zu lassen.
Vier kuriose Beispiele für die Veränderung des Arbeitsmarktes
Corinna Wollenhaupt hatte für die Gäste ein kurzes Quiz zusammengestellt.
Um den sich ständig verändernden Arbeitsmarkt zu verdeutlichen, hatte Corinna Wollenhaupt für die Gäste – etwas augenzwinkernd – ein Quiz parat: Wer einen der vier ausgestorbenen Berufe richtig erklären konnte, bekam eins der beliebten Lavie-Körnersäckchen. Hier die Berufsbezeichnungen und die ungewöhnlichen Lösungen:
- Vierzehnte: Es handelte sich um Personen, die von großen Restaurants vorgehalten wurden. Kam eine Gesellschaft durch Absagen nur auf 13 Personen (was den Abergläubischen als Unglück galt), sprang der „Vierzehnte“ ein und sorgte für geglückte Rahmenbedingungen beim Essen.
- Harzer: Sie waren in den Wäldern unterwegs und sammelten Baumharz. „Noch bis zur Wende gab es sie in der DDR recht verbreitet, weil das Harz ein Exportschlager war“, erklärte die Lavie-Geschäftsführerin.
- Abtrittsanbieter: Als es noch keine öffentlichen Toiletten gab, wurde die Notdurft in Städten sozusagen vor aller Augen verrichtet. Dem halfen Menschen ab, die für kleines Geld einen Eimer anboten sowie eine Art Vorhang, um das Geschehen zu kaschieren.
- Aufwecker: Die Industrialisierung führte dazu, dass die Menschen früh aufstehen mussten und nicht mehr auf den Weckruf des Hahns warten durften. Aufwecker gingen durch die Straßen der Arbeitersiedlungen, bliesen in eine laute Tröte, klopften mit langen Bambusstangen an die betreffenden Fenster oder nutzten die Stangen als Blasrohr, um Erbsen an die Fenster zu schießen.
Nicht alle Berufe wurden erraten, doch es gab auch Körnersäckchen für Lösungen, die sich gut anhörten.
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Abschlusstagung bei Lavie in Königslutter
Lavie, Der Weg und Axon veranstalten eine dreiteilige Reihe von Fachtagungen. Jetzt geht es um „Dimensionen psychosozialer Grundbedürfnisse“ – und vor allem um die Lösungsansätze in der Region.
Von Frank Wöstmann
Königslutter. Wenn man so will, ist es die ultimative Abschlussprüfung: Am Donnerstag, 30. Mai, läuft bei der Lavie Reha in Königslutter die letzte von drei öffentlichen Fachtagungen,
bei der es um „Dimensionen psychosozialer Grundbedürfnisse“ geht – und ein Quartett schaut ganz genau zu.
Denn Cem Demir, Natalie Krämer, Fabian Schmidt und Sarah Zehaluk haben die Großveranstaltungen im Rahmen ihrer Ausbildung bei der Lavie Reha gGmbH geplant.
Der letzte Prüfstein vor ihrem Abschluss im Sommer.
Die vier künftigen Bürokaufleute wissen, wovon sie sprechen. Auf unterschiedlichen Lebenswegen sind sie in die psychische Rehabilitation gekommen, erhielten bei Lavie die erforderliche Zeit und ergriffen schließlich die Chance zur Berufsausbildung. „Man hört nie auf, betroffen zu sein“, sagt Cem Demir. „Aber man geht anders damit um.“ Der 28-jährige Wolfenbütteler bedauert, erst spät auf Lavie (Königslutter, Braunschweig) gestoßen zu sein. „Man hätte mir schon Jahre vorher helfen können.“
Damit ist schon ein Missstand genannt, dem die Veranstaltung abhelfen will: „Es geht um Vernetzung und schlicht den Versuch, alle Angebote der Region bekannter zu machen – auch untereinander“, betont Elisabeth Viedt. Sie hat das Tagungsteam als Anleiterin begleitet und freut sich auf die letzte Tagung zum Thema Arbeit. Da spielen natürlich auch Prävention und Inklusion eine große Rolle. „Im Grunde gibt es erfreulich viele Hilfen in der Region, aber untereinander sind sie nicht ausreichend bekannt.“
Das soll nun anders werden, und darum hat sich ein einflussreiches Trio zusammengeschlossen, zu dem neben der Lavie Reha auch die Vereine Axon (Förderung seelischer Gesundheit) und Der Weg (gemeindennahe sozialpsychiatrische Hilfen) gehören. „Es ist ein drängendes Thema, deshalb sind wir mit unseren Tagungen in die ganze Region gegangen“, erklärt Elisabeth Viedt. Psychosoziale Grundbedürfnisse seien beileibe keine Randerscheinung. Und so wird es in Vorträgen, Podiumsgesprächen, Literatur und Musik auch um die Zukunft unserer Gesellschaft gehen, um Fachkräftemangel und Versorgungssicherheit.
Sarah Zehaluk zum Beispiel hat bei ihrer Suche nach Hilfe und Ausbildung einen Ämter-Marathon hinter sich. Zwei Lehrverträge hatte sie zuvor abgebrochen, Arbeitgebern und Kollegen war der Umgang mit der depressiven Frau offenbar unklar. „Wenn ich mich mal geöffnet habe und von meinen Problemen sprach, hieß es oft: Stell dich nicht so an.“ So werde ein Tabu-Thema zum Teufelskreis: „Wer sich öffnet, wird belächelt. Irgendwann geht man gar nicht mehr raus.“
Erst bei Lavie erfuhr sie Aufmerksamkeit und Empathie, inzwischen ist die 26-Jährige eine selbstbewusste Frau geworden und hat keine Probleme mehr damit, vor Gruppen frei zu sprechen. „Bis dahin wurde ich leider von einem Amt zum nächsten weitergereicht, weil kaum jemand wusste, wie und wo mir zu helfen ist. “ Konsequent: Im Tagungsteam hat sie sich dafür eingesetzt, auch Vertreter des Arbeitsamtes einzuladen. Ihr Mitstreiter Fabian Schmidt ergänzt das um einen Aufruf an die Arbeitgeber: „Unsere Veranstaltung vermittelt wichtige Impulse, auch zur Prävention. Firmen sollten Beschäftigte dafür freistellen.“
Unter einer Angststörung litt Natalie Krämer, als sie mit ihrer Zwillingsschwester in eine eigene Wohnung zog – mit 17 Jahren. „Die Familienhilfe kam zwar vorbei, aber sonst passierte nichts“, erzählt die heute 23-Jährige. Mittlerweile wisse sie, wie viele Hilfsangebote es in der Region gibt. „Es fehlt aber an einer gebündelten Information darüber.“ Als Betroffene betont sie, wie wichtig selbstbestimmtes Wohnen ist. „Jeder hat doch sein eigenes Tempo und seine eigenen Skills – damit kommt man alleine viel druckfreier klar.“
Therapieangebote, Wohnplätze, Ausbildung: Überall sind die Wartezeiten lang, weiß Elisabeth Viedt. „Und die Zahl der Menschen mit Hilfebedarf steigt. “ Umso wichtiger